Die Zahlen sind eindeutig. Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 3.244 nationale Turnierveranstaltungen ausgetragen — 5,4 Prozent weniger als im Vorjahr, und im Vergleich zum Vor-Corona-Jahr 2019 ein Rückgang von 9,1 Prozent. Die Zahl der Starts sank innerhalb von zehn Jahren von rund 1,5 Millionen auf eine Million — ein Minus von 28 Prozent. Jahresturnierlizenzen: rückläufig. Neu eingetragene Turnierpferde: rückläufig. Prüfungen: rückläufig. Der Trend erfasst mittlerweile jeden Parameter des deutschen Turniersports.
Gelegentlich hört man als Erklärung, der Pferdesport werde eben internationaler — Turniere in China, auf der Arabischen Halbinsel, in Südamerika. Das mag stimmen. Aber es erklärt gar nichts. Denn wer auf dieser Logik besteht, müsste auch erklären, warum es nach dieser Rechnung schon längst keine Vollblutrennen mehr in Deutschland geben dürfte. Internationale Reiter wollen überall reiten, nicht nur anderswo. Der globale Boom des Pferdesports ist nicht das Problem. Das Problem sitzt näher, und es sitzt auf beiden Seiten des Turnierplatzes.
Wer heute ein Turnier veranstaltet — und sei es ein kleines Kreisturnier mit ehrenamtlichem Rückhalt — steht unter einem Druck, der vor zehn Jahren so nicht existierte. Die Auflagen sind gestiegen: Sicherheitskonzepte, Tierschutzauflagen, Genehmigungsverfahren, Haftungsfragen. Wer einen Fehler macht, steht nicht nur mit einer Abmahnung da, sondern mitunter mit einem Bein vor dem Richter. Die Veranstalter sprechen von Kostensteigerungen von mehr als 25 Prozent seit der Corona-Zeit — in manchen Bereichen deutlich mehr.
Gleichzeitig wachsen die Erwartungen der Teilnehmer. Wer heute zum Turnier kommt, erwartet Infrastruktur, Service und Ausstattung, die dem Aufwand der Anreise entsprechen. Das ist verständlich — und dennoch ist es die andere Backe der Zange. Die Schere zwischen dem, was Teilnehmer erwarten, und dem, was Veranstalter unter vertretbarem Risiko noch leisten können, öffnet sich Jahr für Jahr weiter.
Dazu kommt ein Phänomen, das in keiner FN-Statistik auftaucht: Social Media als Boykottinstrument. Ein schlechtes Video, eine wütende Geschichte in einer Facebook-Gruppe, und das Turnier eines ehrenamtlichen Organisators steht drei Wochen vor der Veranstaltung unter öffentlichem Beschuss. Was einmal eine Meinungsverschiedenheit unter Reitern war, wird heute zu einer öffentlichen Kampagne — mit handfesten Folgen für Nennungen, Sponsoren und die Bereitschaft, überhaupt noch anzutreten.
Auf der anderen Seite steht der Reiter, der schlicht rechnet. Stallmiete, Tierarzt, Beschlag, Futter, Ausrüstung, Turnierlizenz, Nenngelder, Transport — wer das alles zusammenzählt, kommt schnell auf Summen, die sich ein normaler Haushalt in wirtschaftlich angespannten Zeiten nicht mehr leisten kann oder will. Die anhaltende Konjunkturflaute und gestiegene Lebenshaltungskosten machen sich überall bemerkbar — auch im Sattel.
Wer die Kosten scheut, wird Freizeitreiter. Das ist keine Niederlage, das ist eine rationale Entscheidung — und es ist gut so, denn das Pferd als Freizeitpartner hat seinen eigenen, legitimen Wert. Aber es bedeutet, dass der Pool der Turnierteilnehmer schrumpft, und mit ihm die wirtschaftliche Basis für Veranstaltungen, Vereine und Reitschulen.
Sponsoren registrieren das ebenfalls. "Die derzeitige Wirtschaftslage ist nicht gerade rosig. Die Unternehmen sparen und fangen bei den 'unnötigen Dingen' an. Und da gehört Sponsoring eben dazu", so ein Turnierdirektor. Ohne Sponsoren keine mittelgroßen Turniere. Ohne mittelgroße Turniere keine Karrieresprossen für den Nachwuchs.
Für die Araberwelt hat dieser Strukturwandel eine zusätzliche Dimension. Araberpferde waren nie der Mittelpunkt des deutschen Turnierbetriebs — aber sie profitierten von seiner Existenz. Eine aktive Reitkultur schafft Nachwuchs, der über die Reitschule zu Pferden kommt, und manche dieser Menschen landen beim Araber. Bricht die Basis weg, schmälert das auch das Potenzial für neue Begeisterte.
Araberschauen finden in Deutschland kaum noch statt. Was fehlt, ist nicht der Wille — es fehlen die Strukturen, die ehrenamtliche Veranstalter tragen und schützen, statt sie mit Auflagen zu erdrücken.
Die Antwort des Verbandes heißt "100 Schulpferde plus": eine Initiative von Pferdesport Deutschland gemeinsam mit der Reit-WM Aachen 2026, die über drei Jahre laufen und mit einem Fördervolumen von 1,3 Millionen Euro den Kauf von 100 Schulpferden bezuschussen soll. Neu eingestiegen sind die Sparkassen als Partner. Inzwischen haben sich 1.583 Vereine beworben — das Interesse ist da, die Not auch.
100 Schulpferde für 1.583 bewerbe Vereine. Die Initiative ist gut gemeint und wichtig. Aber sie löst das strukturelle Problem nicht — sie mildert es. Die Zange aus Auflagen, Kosten und schwindendem Nachwuchs schließt sich weiter, und ein Schulpferd pro ausgeloster Reitschule hält sie nicht auf. Was gebraucht würde, sind nicht nur Fördertöpfe, sondern ein ehrlicher politischer und verbandlicher Blick auf das, was Veranstalter und Reiter heute trägt — und was sie überfordert.
Quellen: FN/Pferdesport Deutschland (Turniersportstatistik 2024), Sportschau, FN-Initiative 100 Schulpferde plus, Reit-WM Aachen 2026